Alle Kinder braucht das Land

Themenwoche der Kindertagesstätten der Arbeiterwohlfahrt in Niedersachsen

 



"Armut ist kein Thema mit Kindern“, so die mehrheitliche Reaktion der Erzieherinnen und Erzieher in unseren Kindertagesstätten auf die erste Themenwoche im Jahr 2008. Die Erzieher/innen befürchteten z. B., dass die Konfrontation mit Armut Kinder und ihre Familien beschämen könnte. Kinder hätten ein Recht darauf, unbelastet in ihrer Kita zu spielen und zu lernen.

 

Bereits im Jahr 2000 präsentierte der AWO Sozialbericht „Gute Kindheit-Schlechte Kindheit“ die Ergebnisse der in Deutschland einmaligen AWO-ISS Langzeitstudie: Armut hat weitreichende Auswirkungen auf das gesamte Wohlergehen von Kindern und Jugendlichen. Im Alltag der Kitas die Erscheinungen von Armut bei Kindern genauer wahrzunehmen und unseren Beitrag fur mehr Chancengerechtigkeit zu leisten, das war der Auftrag, den wir aus dem Sozialbericht ableiteten. Bis zur Themenwoche dauerte es aber noch bis 2008. Seither findet regelmäßig um den Weltkindertag die Themenwoche „Alle Kinder braucht das Land gegen Armut“ statt, an der sich viele Kindertagesstätten der AWO in ganz Niedersachsen beteiligen.

 

Im Gespräch mit den Kindern, beim Erfinden von Geschichten und dem Gestalten von Bildern wurde sehr schnell klar, dass Kinder wissen, wie sich Armut anfühlt, dass sie eine Vorstellung davon haben, was ihnen fehlt, was sie sich wünschen, und dass sie wissen, was sie reich macht. Ein fünfjähriger Junge antwortete auf die Frage, was Armut sei: „Teuer ist, wenn man wenig Geld hat“. Andere antworteten: „Die haben ja nicht so viel zum Anziehen wie wir“, „meine Mama hat keine Zeit“, „wir essen immer Toastbrot, das ist nicht so teuer“, „meine Tante ist arm, die wohnt allein“ und „mein Papa ist pleite“. Kinder kennen aber auch eine Menge Dinge, die ihnen viel Freude machen und von denen sie wissen, dass sie kein Geld kosten: „Mit Mama kuscheln, das ist schön“, „auf Papas Schultern reiten“ „draußen spielen“ oder „ein tolles Bilderbuch vorgelesen kriegen“.

 

Die Antworten zeigen, dass die Kinder nicht nur eine Vorstellung von Armut haben, sondern sie auch auf sich und ihre Erfahrungen beziehen. In den Antworten der Kinder kommen alle Dimensionen vor, die durch die Ergebnisse der AWO ISS Studie belegt sind: Defizite in der Grundversorgung, der kulturellen und sozialen Beteiligung und der sozialen Lage. In einigen wenigen Antworten wird auch die gesellschaftliche Wertehaltung gegenüber Armut deutlich, z.B.: „Dinge, die nichts kosten, finde ich alle blöd.“

 

Die alljährliche Themenwoche kann und soll politische Arbeit nicht ersetzen. Kindertageseinrichtungen können nicht verhindern, dass es zu Armut kommt. Sie sind aber eine entscheidende Einflussgröße, um das Wohlergehen von Kindern zu begünstigen. Die Kindertagesstätten unterstützen Kinder und Familien darin, sich selbstbewusst ihre Umwelt zu erobern und zu partizipieren. Da, wo wir auf zuverlässige Partner in Verwaltung, Politik und Sozialwesen vor Ort zurückgreifen können, gelingt unsere Arbeit am Besten.

 

Wir nehmen Armut nicht als lebensbestimmendes Merkmal Wort und tatenlos hin.

 

(Johanna Hohmann Baumann, Fachberatung AWO Jugendhilfe und Kindertagesstätten gGmbH))


vielfalt familie, Ausgabe 20, August 2013, Zukunftsforum Familie e.V.




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